Ausstellung "Eine Republik rollt den Teppich aus - Staatsempfänge auf Schloss Augustusburg 1949 - 1996", Brühl

PRESSE-SPIEGEL / Kölner Stadt-Anzeiger, 12. März 2008



Nachts eine Bibel gesucht

VON ALEXANDRA RINGENDAHL, 12.03.08, 19:47h

Brühl - Gleich am Eingang wird es staatstragend: Alle acht Bundespräsidenten von Theodor Heuss bis Horst Köhler grüßen die Besucher in Lebensgröße. "Schön war das ", hört man bei der Eröffnung der Ausstellung "Eine Republik rollt den Teppich aus " auf Schloss Augustusburg allenthalben. Wehmut und ein bisschen Stolz schwingt mit bei den Erinnerungen der Brühler an 100 prunkvolle Staatsempfänge, die hier von 1946 bis 1996 in der Ära der Bonner Republik stattfanden. Königin Elizabeth II. schritt hier ¸ber den roten Teppich, aber auch Papst Johannes Paul II. oder der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow.

Und so ein bisschen d¸rfen die Menschen der Region bis zum 10. August der Ära noch einmal nachspüren. "Wir haben die Ausstellung als kleines Abenteuer f¸r die Sinne konzipiert ", erläutert Schlossverwalter Uwe Skibbe. "Die Schlösser sollen schließlich lebendige Museen sein. " Und so erinnerte sich bei der Eröffnung nicht nur Europaminister Andreas Krautscheid (CDU) an " glanzvolle Abende " . Ehemalige Protokollchefs fühlten erneut die Anspannung von damals und erinnerten sich an den wohl literweise vergossenen Schweiß.

Brühler Polizisten erzählten sich von den bewegten Zeiten, als sie sich bei Sicherheitsstufe eins die Beine in den Bauch stehen mussten. Der Besucher folgt in der von Ansgar Maria van Treeck künstlerisch umgesetzten Schau dem authentischen Weg der Staatsgäste von der Anreise, der Vorstellung beim Defilee bis hin zum Staatsbankett und dem anschlieŝenden Digestif in den Räumen des Sommerappartements.

Schon beim Anblick der gedeckten Banketttafel öffnen sich die Sinne f¸r Niveau und Dimension der Staatsempfänge: 25 Tonnen Material wurden pro Bankett ins Schloss geschafft. Allein jeder einzelne Gast brachte es auf 27 benutzte Besteckteile. Das Eis wurde mangels Kühlgelegenheiten im Schloss gleich zentnerweise in Wannen mit Polizeieskorte und Blaulicht aus Bonn hergebracht. Bilder der kalorienhaltigen Buffetarrangements der 60er Jahre verursachen unwillkürlich den Gedanken an Sodbrennen.

Außer Fotos und Schautafeln gibt es Großbild- und Klanginstallationen, prächtige Abendgarderoben und Uniformen zu bewundern. Und natürlich einen echten 600er Pullmann, in dem die Staatsgäste vorfuhren. Angereichert wird die Ausstellung durch jede Menge kleiner Anekdoten, die Mitarbeiter, Nachbarn und Anwohner auf einen –ffentlichen Aufruf hin beigesteuert haben. Etwa die von dem Br¸hler Pfarrer, der mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt wurde, weil der Bundespräsident und sein Gast in einen nächtlichen Bibeldisput verfallen waren und sich ¸ber eine Textstelle nicht einigen konnten. Also musste der Protokollchef umgehend eine Bibel auftreiben.

Die Ausstellung ist dienstags bis freitags von 9 bis 12 Uhr und 13.30 bis 16 Uhr sowie samstags, sonntags und feiertags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Montags ist die Ausstellung geschlossen.




© Ansgar M. van Treeck