Einführungsrede zur Ausstellung "... und ein Moment ist für mich."

Im Kunstraum Langenfeld, 5. Juni 2005


L´inconnue de la Seine, wie ich sie beneide! Nicht um die Größe Ihres Ruhmes, dem der meine, wie ich fürchte, nicht nachsteht. Ich beneide Sie, Mademoiselle de la Seine, um die Art ihres Ruhmes.

Die Erfindung der Fotografie hat das Bild des Menschen verändert. Seit der Mensch denken kann, hat er das Bedürfnis, sich Abbilder der Realität zu schaffen. Höhlenbilder der Steinzeit, ägyptische Grabmalereien, antike Fresken, mittelalterliche Kirchenbilder, von der höfischen Malerei bis zur freien Kunst des 20. Jahrhunderts. Bilder unterliegen im Laufe der kulturellen Entwicklung des Menschen einer steten Wandlung, dienen unterschiedlichen Aufgaben und Zwecken.

Sie dienten der Beschwörung der Götter, dem Kampf gegen das Böse, Bilder dienten der Erzählung von Geschichten und Ereignissen und nicht zuletzt der Demonstration von Macht und Ansehen.

Oblag es vor der Erfindung der Fotografie den Mächtigen und Reichen, sich in entsprechender Pose im Bild verewigen zu lassen, dem Kult um die eigene Person zu fröhnen, Macht und Ansehen für alle Zeiten zu dokumentieren, so wurde mit Hilfe der neuen Technik immer mehr Menschen der Zugang zum eigenen Abbild ermöglicht.

Inzwischen gehört die tägliche Bilderflut zu unserem Alltag. Die Selbstdarstellung ist zur Manie geworden. Teenies träumen davon, ein großer Star zu werden, ihre Vorbilder sind jene, die durch die Massenmedien in ihre Kinderzimmer flimmern. Verdienst, Verantwortung oder Engagement spielen dabei keine Rolle mehr. Im Fernsehen sein, das ist das Größte was zählt. Und daß es auch gänzlich ohne Fähigkeiten geht zeigen die Sendungen wie "Deutschland sucht den Superstar" oder "Big Brother", Darstellung der eigenen Person als Selbstzweck.

L´inconnue de la Seine, wie ich sie beneide! Nicht um die Größe Ihres Ruhmes, dem der meine, wie ich fürchte, nicht nachsteht. Ich beneide Sie, Mademoiselle de la Seine, um die Art ihres Ruhmes.

Ansgar van Treeck ist mit seiner Kamera jenen auf der Spur, die im Rampenlicht der Welt nicht aus Eigennutz und Selbstzweck stehen, sondern jenen, die Verantwortung in unserer Gesellschaft tragen, die das Schicksal eines Volkes bestimmen. Als akkreditierter Fotograf ist er bei vielen Staatsakten dabei, versucht wie viele hundert andere Fotografen, das Konterfei von Politikern und gekrönten Häuptern zu bannen. Zweifelsohne gelingt ihm dies wie vielen anderen Fotografen auch.

Doch was Ansgar van Treeck uns in dieser Ausstellung präsentiert hat eben nichts mit dem schnellen Klick zu tun, ist fern jederbloßen Medienfotografie.

Ansgar van Treeck schärft den Blick für das Hintergründige. Seine Fotografien sind nicht Abbildung von Wirklichkeit sondern Interpretation des Geschehen, sind Visionen. Für einen Moment verlässt er die Vorgaben der Medienwelt, heischt er nicht nach einem guten Schnappschuss auf ein berühmtes Konterfei. Für einen Moment schafft er seine eigene Wirklichkeit, "... und ein Moment ist für mich".

Dabei sind die Situationen die er zeigt, nicht erfunden, sie sind aber auch nicht Realität. Alles hat wirklich stattgefunden, aber nicht wirklich so wie es in den Bildern erscheint. Der Blick des Fotokünstlers ist ein anderer, als der Blick des Dokumentationsfotografen.

Es ist ein Spiel zwischen Distanz und Nähe, zwischen öffentlichem Auftritt und tragischer Menschlichkeit, Und wie jede gute Kunst so fordern auch die Bilder von van Treeck den zweiten Blick, das genaue Hinschauen und Eintauchen in die neu geschaffene Bildwirklichket, die eben nicht mit bloßer Abbildung von Wirklichkeit zu tun hat.

Die Queen. Ist man nicht geneigt den tollen Bentley zu bewundern, wie er sich so triumphierend mit Hochglanz in den Vordergrund drängt, dem weißen Vogel im Hintergrund Paroli bietend. Ach ja, und da ist ja auch noch die Queen- ist sie sich der Situation bewusst, dass manch einer die Staatskarosse und weniger das Staatsoberhaupt bewundert? Ganz klein verschwindet sie schließlich hinter den spiegelnden Scheiben.

Putin - das gibt uns der Bildtitel an, aber wo ist der Mensch, der die Welt mitbestimmt von dessen Wirken nicht nur sein eigenes Land abhängig ist. Hinter der Absperrung wird der Betrachter selbst zum Beobachter der Szene. Einsam scheint es auf dem weiten Flugfeld, für einen Mann, auf den die ganze Welt schaut.

Und die Menschen, die sich Zeit ihres Lebens in Szene gesetzt haben, die sich der Macht der Medien bedient haben? Auch auf sie findet Ansgar van Treeck einen besonderen Blick. Gönnt sich und den Meistern einen eigenen Moment.

Salvador Dali, aufgehängt im Abgang eines Museumsgebäudes, wirkt er hier nicht schrecklich hilflos? Aber dennoch oder gerade deshalb -?- scheint die Aufnahme von van Treeck, als sei Dali gerade hier mit seiner surrealen Welt eins geworden. Reflexionen, Spiegelungen, Lampen wie Irrlichter, all das überhöht den Meister des Surrealen und führt ihn zurück in seine eigene Welt. Die hehre Welt des Museums rückt in den Hinergrund, Berühmtheit wird zweitrangig.

Und der Exzentriker der Werbebranche, der Provokateur und Revolutionär moderner Kommunikationsmittel? Sein letzter großer Auftritt scheint wie insziniert. Charles Wilp tritt von dieser Welt ab in Begleitung eines Heeres von Fotografen und dennoch wirkt der Blick, der Ansgar van Treeck uns gibt, sonderbar einsam, eine Stille legt sich über den Menschen, dessen Leben von Wirbel und Lärm geprägt war.

L´inconnue de la Seine, das Bild scheint auf den ersten Blick nicht so ganz in die Auswahl dieser Ausstellungsexponate zu passen. Und doch ist es wie eine Zusammenfassung aller Momente, deren Begleiter wir nun für ein paar Wochen hier im Kunstraum sein dürfen. In den Pariser Katakomben, ist van Treeck der Ästhetik des menschlichen Lebens begegnet. Nicht Ruhm nicht Leid, nicht Ansehen oder Einsamkeit zählen, letztendlich sind im Tod alle Menschen gleich.

Dieses Bild ist ein besonders Wichtiges, zeigt es doch allen Zweiflern endgültig, dass Ansgar van Treeck weit davon entfernt ist, mit dem erheischten Blick auf die VIPs dieser Welt zu kokettieren.

Ich bin glücklich, für die Erste Austellung mit dem Medium Fotografie im Kunstraum Ansgar van Treeck gewonnen zu haben. Denn er schärft mit seinen Bildern unseren Blick auf unsere Wirklichkeit und er läßt uns teilhaben an einer Welt, die uns ein Stück loszulösen vermag vom Alltag, gleichzeitig aber auch die Gier nach Ruhm und Medienpräsenz infrage stellt.

Und welches Bild könnte dies deutlicher vor Augen führen, als das "eine Bild für mich", um das ich für diese Ausstellung gebeten habe. Ich wünsche mir und uns allen ein wenig von der Faszination, die von Kunst ausgeht und uns neue Horizonte zu öffnen vermag, wie es augenscheinlich auch schon die kleine Shari erfahren hat.



Beate Domdey-Fehlau